»Wein duftet nach Nektar, Bier aber stinkt nach Bock«

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»Wein duftet nach Nektar, Bier aber stinkt nach Bock« –
5000 Jahre Bier – 500 Jahre Deutsches Reinheitsgebot

von Dr. Verena Bölsker

(Vortrag anlässlich der 500-Jahr-Feier des Deutschen Reinheitsgebots am Tag des Bieres, dem 23. April 2016, in der Hausbrauerei Stierbräu in Vechta)

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Fig. 1.: Dr. Verena Bölsker

Möglicherweise trifft der oben genannte Ausspruch Kaiser Julian Apostatas (um 331-363), den dieser im Rahmen eines Besuchs bei den Alemannen um 360 n. Chr. getätigt haben soll, als man ihm ein Bier zu trinken vorsetzte, tatsächlich zu. Denn die antike Braukunst ist mit der heutigen kaum zu vergleichen und das Bier hatte vielleicht tatsächlich (noch!) einen eigentümlichen Geruch. Und dennoch sind die Grundlagen des Bierbrauens sogar noch viel früher zu datieren. Experten sind sich einig, dass die Geschichte des Bieres untrennbar mit der Geschichte des Brotes zusammenhängt – daher auch die volkstümliche Bezeichnung „Bier ist flüssig‘ Brot“. Beides, Brot und Bier, stellten Grundnahrungsmittel dar und fanden ihren Ursprung zu einer Zeit, als die Menschen sesshaft wurden, Viehzucht und Ackerbau betrieben und Getreide somit Einzug in den Speisenplan der Menschen fand, also bereits im Neolithikum. Man erkannte schon damals, dass vermahlenes Getreide besser zu verarbeiten und bekömmlicher ist als ganze Körner. Zusammen mit Wasser wurden die mit Mahlsteinen zerriebenen Getreidekörner zu einem Brei vermengt und stellten als Teig die Grundlage der frühen Brotherstellung dar. Stand dieser Teig etwas länger an einem wärmeren Ort, so kam es durch die Infektion des Brotteigs mit wilden Hefen aus der Luft zu einer spontanen Gärung. Und so wurde dieses Getreide-Wasser-Gemisch zu einem Getränk, das bei höherem Konsum vielleicht auch ein bisschen lustig machte…

Früheste Funde der Bierbraukunst sind übrigens nicht in Bayern, sondern in Gegenden zu lokalisieren, in denen heute tendenziell eher weniger Bier getrunken wird: im vorderen Orient, in Anatolien etwa und in Persien, aber auch bei den alten Ägyptern ist das Brauen von Bier schon für die Zeit um 4000 v. Chr. nachgewiesen.
Anhand einer Wandmalerei aus einem ägyptischen Grab um 1500 v. Chr. etwa lässt sich die Prozedur der Bierherstellung nachvollziehen:

Nach der Herstellung der Tonkrüge wurden diese von innen mit Tonerde oder vielleicht sogar Pech ausgerieben, um eine Klärung des Bieres herbeizuführen. Das Getreide-Wasser-Gemisch gärte durch die Zugabe von Fladenbrot oder auch Datteln. Diese brauchte man nicht als Würze, sondern man nutzte die in ihnen befindliche natürliche Hefe zur Gärung der Masse. Die Maische wurde durch einen Korb oder ein Sieb in einen Bottich abgeseiht und die Flüssigkeit in Biertöpfe abgefüllt. Bier galt neben dem Brot als Grundnahrungsmittel und so versteht es sich von selbst, dass Bier als Grundausstattung auch mit in die Grabkammern gegeben wurde, um ein Weiterleben im Jenseits zu sichern.

Schon ca. 3.000 bis 2.000 v. Chr. tranken auch die Sumerer ein bierähnliches Getränk. Die Ackerbauern aus Mesopotamien, dem heutigen Irak, hielten sogar Herstellungsprozesse und Rezepturen des Bieres auf Tontafeln fest. Diesen zufolge muss es sich bei den sumerischen Bieren um eine trübe und süße, brotteigähnliche Masse mit nur sehr wenig Alkoholgehalt gehandelt haben. Von den Sumerern übernahmen die in der selben Region ansässigen Babylonier die Bierbraukunst. Die Babylonier entwickelten im 2. Jahrtausend v. Chr. eine regelrechte Bierkultur und sollen schon über 70 verschiedene Biersorten wie Starkbier, Dünnbier, Sauerbier und Süßbier gebraut haben.

Da das Bier noch nicht gefiltert war, tranken die Ägypter genau wie die Babylonier ihr Bier mit langen Trinkröhrchen, um nur die reine Flüssigkeit aufzunehmen – und vielleicht wirkte es so auch besser?!?

Bilder: www.members.aon.at/spurx/History/Aegypten.jpg

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Bier war jedoch nicht nur ein Getränk, es galt auch als Heilmittel. So sollte etwa eine Mischung aus Bier, Gewürzen und Aalgalle bei einer Blasenentzündung helfen… So manch passionierter Biertrinker hätte in diesem Fall wahrscheinlich lieber eine Blasenentzündung…
Wenn wir einen Blick in die griechisch-römische Antike werfen, so fällt auf, dass das Bier für Griechen und Römer längst nicht eine solche Bedeutung hatte, wie es für etwa für die Ägypter und Babylonier der Fall gewesen war. Zwar wurde, geographisch betrachtet, rund um sie herum Bier getrunken – vom Balkan bis zur heutigen Ukraine, von der iberischen Halbinsel bis zu den Galliern und Kelten und weiter bis nach Skandinavien -; für Griechen und Römer jedoch galt das Bier dennoch als Getränk der unzivilisierten Barbaren. Und so verwundert es nicht, dass, wenn in antiken Quellen von Bier die Rede ist, darin nur die kulturelle Minderwertigkeit der Völker betont wird, die Bier trinken. (Zugegeben: Als Frau, die Bier trinkt – womöglich noch aus der Flasche! – zwischen an ihren Proseccos nippenden Damen fühlt sich Frau bisweilen noch heute unzivilisiert und barbarisch…)
Trotz aller Herabwürdigung tranken auch die alten Griechen Bier und nutzten dieses auch als Heilmittel. So beschrieb etwa Hippokrates im 4. Jh. v. Chr. einige Heilwirkungen beim Einsatz von Bier:
„… am Besten bei akuten Beschwerden trinken, denn es ist ein linderndes Mittel, gleichmäßig und ausgleichend, angenehm einzunehmen, es enthält genügend Feuchtigkeit, lindert den Durst, erleichert die Ausscheidung, stört die Verdauung nicht und bildet keine Winde.“
Es bleibt jedem selbst überlassen zu beurteilen, ob es herabwürdigend, einfach belustigt oder vielleicht sogar lobend hervorhebend ist, was der griechische Dichter Athenaios im 2. Jh n. Chr. über den Bierkonsum schrieb, den berühmten Philosophen Aristoteles (4. Jh. v. Chr.) zitierend:
„Jedoch, wie Aristoteles in seiner Abhandlung ‚Über die Trunkenheit‘ behauptete, fallen diejenigen, die Gerstenwein getrunken hatten […], rückwärts auf den Rücken. Er sagte: ‚Aber ein Rückenfall passiert aufgrund von Gerstengetränken. Unter dem Einfluss aller anderen berauschenden Getränke fallen solche, die sich betrunken haben, in alle Richtungen, manchmal auf die linke oder rechte Seite oder auf das Gesicht oder den Rücken. Diejenigen aber, die betrunken [von Gerstensaft] wurden, fallen nur auf den Rücken und liegen alle Viere von sich gestreckt“
Der dem Biere Zugeneigte wird sich bestätigt fühlen in seinem Biergenuss, denn wer fällt schon gerne aufs Gesicht?
Ähnlich ambivalent wie die Griechen beurteilten, wie erwähnt, auch die Römer das Bier, obwohl doch der lateinische Namen des Bieres, „Cerevisia“, göttlichen Ursprungs ist, denn für diesen stand immerhin Ceres, die Schutzgöttin des Wachstums der Feldfrüchte, somit auch des Getreides, Pate. Bier galt dennoch als Getränk der unteren Bevölkerungsklassen. Wenn es auch nicht zwangsläufig nach „Bock“ gestunken haben muss, so konnte es mit dem nach Nektar duftenden Getränk der Götter bei den „oberen Zehntausend“ nicht konkurrieren.
Was wäre ein Rückblick auf eine Jahrtausende währende Biergeschichte, ohne sich dabei nicht auch mit den Germanen zu beschäftigen? Hinweise auf deren Braukunst stammen aus der Nähe von Kulmbach, wo man in einem Grab Bierkrüge aus der Zeit um 800 v. Chr. fand.
Kulmbacher Bieramphore,
um 800 v. Chr.
(Bild: www.brauer-bund.de/typo3temp/pics/2da95f3d2a.jpg)

Bier war bei den Germanen nicht nur ein Alltagsgetränk, sondern wurde auch extra für große Feierlichkeiten gebraut. Zu diesen Gelegenheiten, so sagte man es den Germanen nach, wurde dann kräftig getrunken, vielleicht auch mal aus den Schädeln erschlagener Feinde… Der römische Historiker und Senator Tacitus, der Bier selbst ein „abscheuliches Getränk“ nannte, schrieb etwa um 100 n. Chr. über den Bierkonsum der Germanen:
„Am wenigsten können sie den Durst ertragen. Im Trinken kennen sie keine Selbstbeherrschung, Tag und Nacht zu zechen gilt nicht als Schande.“
Eben jener Tacitus war es auch, der gesagt haben soll, dass man die Germanen, um sie zu besiegen, gar nicht bekämpfen müsse, man müsse sie nur betrunken machen… Und dabei sollen es ausgerechnet die Germanen gewesen sein, die in puncto Bierkonsum zur Mäßigkeit aufgerufen haben sollen, wie es der Edda, der alt-isländischen Sammlung von Liedern und Sagen, zu entnehmen ist: „Nicht klebe am Becher, trinke Bier mit Maß!“ heißt es dort. Mit Maß, nicht aus einer Maß, liebe Bayern!
Verlassen wir die Antike nicht ohne festzuhalten, dass überall in der Welt Bier getrunken wurde. In Afrika auch aus Hirse, in Südamerika aus Mais oder Maniok… wobei hier das „Chicha“-Bier aus Peru („und umzu“) Erwähnung finden sollte: Dabei wird etwa Maniok zerkaut – und wieder ausgespuckt. Damit beginnt die Wirkung des Speichelferments Ptyalin, das für die Verzuckerung der Stärke sorgt und die Gärung in Gang setzt. Mit Wasser vermengt wird daraus ein echtes „Spuckebier“!

Doch das nur am Rande, denn nun haben wir uns mit dem Mittelalter zu befassen, als das Brauen in den heimischen Haushalten noch reine Frauensache war – weil eben auch das Brotbacken Frauensache war und beides noch immer unmittelbar miteinander zusammenhing. Frei nach Rumpelstilzchen wurde heute gebacken und morgen gebraut (und übermorgen der Königin ihr Kind geholt). Ein nicht ganz fertig gebackener Laib Brot diente als Startkultur für das Bierbrauen. Mit Wasser vermengt begann der Gärprozess durch Spontangärung der in der Raumluft befindlichen Hefen und Mikroorganismen. Dieser Vorgang galt immer noch als ein glücklicher Zufall, und die spontan einsetzende Gärung wurde als Gottes Tat begrüßt: Danke, Herr, es ist ein Bier geworden!

Schon im frühen Mittelalter waren hier die Mönche schon einen Schritt weiter. Bereits im 7. Jahrhundert wurden Brauprozesse studiert, neue Rezepturen getestet und mit Heilpflanzen herumexperimentiert. Alles wurde notiert und von Brauer zu Brauer weitergereicht.
Die älteste Darstellung eines Bierbrauers in Deutschland zeigt daher konsequenterweise einen Mönch als Bierbrauer. Sie stammt aus dem Mendel’schen Bruderhausbuch, das 1379 in Nürnberg entstand. Der sechszackige Stern ist, nebenbei bemerkt, keine Weihnachtsdekoration, sondern das erste und älteste Zunftzeichen der Brauer.
Bei dem im frühen und auch im hohen Mittelalter gebrauten Bier handelte es sich übrigens noch immer nicht, geschmacklich betrachtet, um das Getränk, das wir heute als Bier bezeichnen. Es wurden sogenannte Grutbiere gebraut. Die Grut, eine Mischung verschiedener Kräuter in unterschiedlicher Zusammensetzung, wurde zum Würzen von Bier eingesetzt.
Insbesondere der Gagelstrauch wurde in Nordeuropa schon früh zum Bierbrauen verwendet.
(Bild: www.brauer-bund.de/typo3temp/pics/219def5a16.jpg)
Vor allem entlang der Nordseeküste waren die Grutbiere über Jahrhunderte weit verbreitet, bis es eben die Mönche waren, die wohl im 12. Jahrhundert eine bahnbrechende Entdeckung machten: die Mönche entdeckten den Hopfen als Bierwürze! Mit diesem – nur die weiblichen Dolden sind verwendbar! – haben sie nicht nur dem Bier seinen typisch herben Geschmack verliehen, sondern es darüber hinaus auch länger haltbar gemacht. Zwischen dem 13. und dem 16. Jahrhundert wurden Grutbiere dann zunehmend vom Hopfenbier verdrängt.

Gagelstrauch
(Bild: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons
/4/4e/Gagelstrauch(Myrica_gale)female.JPG)

Hopfendolden
(Bild: http://www.bier-kwik.de/images/hopfen.jpg)

Gegen ein gewisses Entgelt hatten die Mönche das Recht erhalten, Bier gewerblich zu vertreiben, woraufhin die Klosterschenken wie Pilze aus dem Boden schossen. Allmählich entwickelte sich jedoch auch in den Dörfern und vor allem in den Städten ein florierendes Brauhandwerk, das im ausgehenden Mittelalter vor allem durch eine Verbrauchssteuer (Bierakzise) zunehmend zu einer wichtigen Steuerquelle wurde. Mit Beginn der Neuzeit wurde das Biergeld etwa durch Produktions- und Verkaufssteuern nicht selten zur wichtigsten Steuerquelle schlechthin – und die Mönche wurden zur Konkurrenz! Die Folge war, dass der öffentliche Verkauf von Klosterbier sowie die Führung von Bierschenken durch Klöster von vielen Landesfürsten peu a peu verboten wurde.
Im Norden Deutschlands entstanden zwischen dem 13. und 16. Jahrhundert zahlreiche Brauereien, die zu einem bedeutenden Handwerkszweig aufstiegen. Ein großer Bierhandelsplatz war um das Jahr 1300, begünstigt durch den Hafen, die Stadt Bremen mit Export nach Holland, England und Skandinavien. Hamburg nannte sich das „Brauhaus der Hanse“; um 1500 wurden dort rund 600 Brauereien gezählt. Braunschweig war ein weiteres nördliches Brauzentrum, und vor allem Einbeck ist hier zu nennen, die Geburtsstätte des vom Namen der Stadt abgeleiteten „einpöckischen“ Bieres, des Bockbieres, das auch nach Bayern exportiert wurde, da der Süden Deutschlands in der Bierbraukunst erst viel später nachziehen sollte. Bayernherzog Wilhelm V. (1548-1626) ließ als Sparmaßnahme im Jahr 1589 die erste Hofbrauerei einrichten, da die Einfuhr von Bier etwa aus Einbeck für seinen Münchner Hof erhebliche Kosten verursachte. Der Hofstaat sollte nun endlich bayerisches Bier trinken können und nicht mehr auf Importe aus dem Norden angewiesen sein.

In die Zeit des ausgehenden Mittelalters fallen auch die ersten Brauordnungen. Diese waren weit verbreitet, ihre Vorläufer waren die Grutrechte, die zur Herstellung von Grutbier berechtigten. In Bayern, nach der Teilung 1392 in vier Teilherzogtümer mit je eigenen Gesetzen aufgeteilt, wurde etwa im Jahr 1487 für München eine Verordnung erlassen, die allein Gerste, Hopfen und Wasser für die Bierherstellung zuließ. Dieses viel später sog. „Münchner Reinheitsgebot“ sollte auf ganz Oberbayern ausgedehnt werden. Im Jahr 1493 wurde für das Herzogtum Bayern-Landshut ebenfalls eine Verordnung erlassen, nach der die Brauer nur Malz, Hopfen und Wasser verwenden durften – „bei Vermeidung von Strafe an Leib und Gut“.
Nach dem Landshuter Erbfolgekrieg (1504/5) und der Wiedervereinigung der bayerischen Teilherzogtümer mussten auch die einzelnen bayerischen Landrechte harmonisiert werden. Die neue gemeinsame Landesordnung wurde schließlich am 23. April 1516 durch die bayerischen Herzöge Wilhelm IV. und Ludwig X. in Ingolstadt erlassen. Diese galt für das Herzogtum Bayern, ein Gebiet, das nicht mal halb so groß war wie das heutige Bayern.

Und darin war enthalten: Das Deutsche Reinheitsgebot!, dessen 500jähriges Bestehen in diesem Jahr 2016 gefeiert wird.
Nein, es ist nicht das älteste Lebensmittelrecht der Welt, auch nicht das älteste schriftlich festgehaltene, denn die älteste bekannte schriftlich festgehaltene Verordnung, die sich mit Bier beschäftigt, stammt aus der Zeit um 1700 v. Chr., der „Codex Hammurabi“. Darin wurde u.a. festgelegt, dass, wenn die Ernte schlecht war und man wenig Getreide zum Brotbacken hatte, dieses nicht auch noch „versoffen“ werden sollte. Zudem wurde darin angedroht, Bierpanscher in ihren Fässern zu ertränken und so lange mit Bier zu übergießen, bis sie ersticken.
(Bild: http://www.bier.de/wp-content/uploads/2012/09/00032_d.jpg) Doch zurück zu unserem Reinheitsgebot: Die in der Landesverordnung enthaltene und heute als „Deutsches“, eigentlich „Bayerisches Reinheitsgebot“ bezeichnete Textpassage regulierte einerseits die Preise, andererseits aber auch die Inhaltsstoffe des Bieres, indem es heißt:
Wir wöllen auch sonderlichen / das füran allenthalben in unsern Stetten / Märckthen / unn auf dem Lannde / zu kainem Pier / merer stückh / dann allain Gersten / Hopfen / unn wasser / genommen unn gepraucht sölle werdn.

Warum waren solche Brauordnungen vonnöten? Einerseits waren Brauvorschriften eine Reaktion auf zahlreiche Klagen über schlechtes Bier. Zum anderen sollte sichergestellt sein, dass der wertvollere Weizen oder Roggen den Bäckern vorbehalten blieb. Zudem sollte die Verwendung berauschender Zutaten wie Bilsenkreut, Tollkischen, Schlafmohn usw. unterbunden werden und nicht zuletzt galt es, das heimische Brauereiwesen zu fördern, um einen stabilen Wirtschaftszweig zu schaffen.
Verstöße gegen die Biergesetze wurden zum Teil hart geahndet. Wie zu Hammurabis Zeiten sahen einige vor, dass „Bierpanscher“ in ihrem eigenen Bier ersäuft werden sollten. Und verdarb ein Bier trotz aller Vorschriften, führte man dies gerne auf die „heidnischen Kräuter“ wie Stechapfel oder Sumpfporst zurück, und dann konnte es vorkommen, dass man hier und da mal eine Bierhexe verbrannte…

Trotz aller Verordnungen und Verbote sind jedoch kaum Hinweise zu entdecken, dass das Reinheitsgebot bei den deutschen bzw. bayerischen Brauern bis zum 19. Jahrhundert nennenswerte Beachtung gefunden hätte geschweige denn, dass andere Fürsten oder Reichsstädte diese Verordnung als Vorbild für die eigenen übernommen hätten. Selbst in Bayern gab es keine Kontinuität: Bereits ein herzoglicher Erlass von 1551 erlaubte Koriander und Lorbeer als weitere Zutatenfür bayerische Biere, eine Landesverordnung von 1616 ließ zudem Salz, Wacholder und Kümmel zur Bierproduktion zu. Während in Bayern im 18. Jahrhundert dennoch das Bier zum Volksgetränk Nummer eins wurde und hier eine Brauerei nach der anderen entstand, wurde in Bremen etwa durch Steuern auf Bier und höhere Zölle das Bier zu teuer und zudem von den neuen Modegetränken Kaffee und Tee verdrängt.

Es gab aber nach wie vor große regionale Besonderheiten bei den Biersorten, die zum größten Teil mit dem Reinheitsgebot so gar nichts zu tun hatten. So gab es, um nur zwei Beispiele zu nennen, die „Gose“ aus Goslar (ein Bier mit Kochsalz und Koriander) und die Braunschweiger „Mumme“, deren angebliche Bestandteile laut einer Ökonomischen Enzyklopädie von 1773 folgende gewesen sein sollen: Bohnen, Rinde und Spitzen von Tannen und Birken, Cardobenedictenkraut, Blüten von Sonnentau, Holunder und Thymian […], Kardamom, Hagebutten, Alant, Gewürznelken, Zimt und sogar Eier. Obwohl diese Zutatenliste sich so gar nicht an dem Reinheitsgebot orientierte, war die Mumme in Braunschweig ein großer Exportschlager – wie in vielen anderen Städten auch das Bier ein Exportschlager war, und so verwundert es nicht, dass…
(Bild: http://www.brauer-bund.de/typo3temp/pics/e7c385080b.jpg) … das das erste Frachtgut auf einer deutschen Eisenbahn, die 1835 erstmals zwischen Nürnberg und Fürth verkehrte, zwei Fässer Bier gewesen sind!

Und damit wären wir auch schon im 19. Jahrhundert angekommen, in dem in der Braukunst bahnbrechende Neuerungen und Erfindungen zu verzeichnen sind. So wurde 1841 etwa das untergärige Lagerbier von Anton Dreher sen. in Wien gebraut und läutete damit die Epoche der untergärigen Biersorten ein. Als wichtiger Punkt in der Geschichte des Bierbrauens wird aber vor allem die „Erfindung“ der Pilsner Brauart angesehen. Josef Groll braute im Oktober 1842 den ersten Sud nach Pilsner Brauart. Das „Pils“ wurde erstmals am 11. November 1842 öffentlich ausgeschenkt und eröffnete so den weltweiten Vormarsch dieser Bierspezialität.

Im Jahr 1769 hatte James Watt die Dampfmaschine erfunden. Ein Jahrhundert später nun beherrschte diese neue Antriebsform die Industrien Europas und somit auch die Brauereien, die zunehmend industrieellen Charakter annahmen und sich „Dampfbierbrauereien” nannten.

Im Jahr 1807 war die Heißluft-Darre erfunden worden. Bis dahin wurde das Malz noch über offenem Feuer getrocknet, jetzt war es möglich, die Temperatur und damit die Malzfärbung zu steuern.

Erst jetzt, im Jahre 1860, wusste man endlich, was Hefe ist! Bisher hatte man den Teig eines Gärungsvorganges dem nächsten wieder zugesetzt und war so auf die Bierhefe gekommen, doch wusste man noch nicht, dass sie aus Mikroorganismen besteht, bis der Franzose Louis Pasteur die Rolle derer entdeckte. Er wies nach, dass die Aufspaltung des Malzzuckers in Alkohol und Kohlensäure auf die Tätigkeit der Hefe zurückzuführen war. Nur 20 Jahre später führte der Däne Emil Christian Hansen diese Forschungen fort. Der Verlauf der Gärung war damals noch ein Zufallsprodukt. Verdarben zu viele „wilde Hefen“ das Bier, so waren „Hopfen und Malz verloren“. Hansen gelang es, eine einzelne Hefezelle zu isolieren und sich vermehren zu lassen. So erhielt er Hefezellen der immer gleichen Art. So wird heute die Hefe in Reinkulturen gezüchtet, d.h. man vermehrt nur diejenigen Stämme, die für den Gärprozess und den jeweiligen Bierstil erwünscht sind.

Schließlich ist noch die Erfindung der ersten Kältemaschine mit Ammoniak als Kältemittel durch Carl von Linde zu nennen, die dieser 1873 bis 1876 für eine Münchener Brauerei konstruierte. Dadurch konnte nun das ganze Jahr über untergäriges Bier gebraut werden, denn dieses benötigt für die Gärung Temperaturen von 4 bis 10 Grad Celsius (15 bis 20 Grad braucht das obergärige Bier). Solche Temperaturen waren bis dahin nur in tiefen Kellern möglich, in die riesige Mengen von Eis gebracht werden mussten, und das ging bisher nur im Winter. Jetzt waren die Brauereien in der Lage, das ganze Jahr über untergäriges Bier zu brauen, welches zudem auch länger gelagert werden konnte.

Das Reinheitsgebot war bis dahin, wie erwähnt, nicht wirklich eingehalten worden. Erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts, am 3. Juni 1906, wurde es per Reichsgesetz in abgewandelter Form für das ganze damalige Deutsche Reich gültig, so dass man am 3. Juni 2016 theoretisch noch einmal die 90-Jahr-Feier des „Deutschen“ Reinheitsgebotes feiern könnte! Doch wieso wurde gerade jetzt, als in Deutschland die ersten Großbrauereien entstanden und Bier zum ersten Mal in größeren Mengen professionell exportiert werden konnte, auf das Reinheitsgebot geachtet? Ein Grund mag sein, dass durch die industrielle Revolution ein Wirtschaftsgigant in Europa entstanden war, nämlich England, und das auch in puncto Bier. Und mit diesem Gesetz nun war das englische Bier vom Import ausgeschlossen!

Es sollten noch weitere Gesetze folgen. Das Deutsche Biersteuergesetz (BierStG) etwa vom 9. Juli 1923 regelte die Zutaten für das Bier. Für untergäriges Bier waren demnach Gerstenmalz, Hopfen, Hefe und Wasser als Zutaten zugelassen. Für obergäriges Bier waren auch die Verwendung anderer Malzsorten, verschiedene Zuckerarten und daraus hergestellte Farbstoffe erlaubt. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren in der Bizone – allerdings nicht in Bayern! – eine Zeit lang, der Not gehorchend, weitere Zusatzstoffe wie Kartoffelflocken, Zuckerrübenschnitzel, Hirse oder Zucker zugelassen. In der DDR waren neben Wasser, Hopfen und Malz auch Gerstenrohfrucht, Reisgrieß, Maisgrieß, Zucker, Stärkecouleur, Natriumsacharin, Pepsinkonzentrat, Milchsäure, Salz, Tannin, Kieselgelpräparate und Ascorbinsäure erlaubt.

Und wie ist es heute? Nicht das Reinheitsgebot von 1516 regelt, wie in Deutschland Bier gebraut wird, sondern das „Vorläufige Biergesetz“ von 1993, und dieses erlaubt den deutschen Brauern eben neben den vier „reinen“ Zutaten – Hopfen, Malz, Wasser und Hefe – auch 60 weitere Zusatzstoffe, sofern sie denn „technisch notwendig sind“, „keine chemischen Reaktionen im Bier hervorrufen“ und bis auf „gesundheitlich, geruchlich und geschmacklich unbedenkliche Anteile“ wieder ausgeschieden werden können.

Das eigentliche Reinheitsgebot nämlich wurde vom Europäischen Gerichtshof 1987 eigentlich für ungültig erklärt, aber: quasi als Gegenleistung für die Öffnung des deutschen Biermarktes hat die EU das Bayerische Reinheitsgebot als Gütezeichen und das deutsche Bier, das nach dem Reinheitsgebot gebraut wird, als geschütztes „traditionelles Lebensmittel“ anerkannt! Demnach dürfen deutsche Brauer, die ihren Bieren das Qualitätssiegel „Gebraut nach dem Deutschen Reinheitsgebot“ geben, im Gegensatz zu Brauereien im Ausland bis heute keine künstlichen Aromen, keine künstlichen Farbstoffe, keine künstlichen Stabilisatoren, keine Enzyme, keine Emulgatoren und auch keine Konservierungsstoffe verwenden. Das Bier enthält allein die vier natürlichen Zutaten Wasser, Malz, Hopfen und Hefe – und das ist Qualität, und das darf auch gefeiert werden!

Und so entstehen aus nur vier natürlichen Zutaten in über 1.300 deutschen Brauereien – Tendenz steigend! – jeden Tag über 40 verschiedene Sorten Bier und rund 5.500 einzelne Biermarken, hergestellt aus rund 170 verschiedenen Hopfensorten, rund 200 Hefestämmen und mehr als 40 verschiedenen Malzsorten. Es soll mehr als eine Million verschiedene Möglichkeiten geben, ein Bier nach dem Reinheitsgebot zu brauen! Demnach können wir 15 Jahre lang jeden Tag ein anderes Bier probieren und müssten keines zweimal trinken. Auch wenn es heißt: „mit des Bieres Hochgenuss wächst des Bauches Radius“: Sind das nicht leckere Aussichten? Und es riecht nach allem anderen als nach Bock…
Quellen:
Blanckenburg, Christine v.: Die Hanse und ihr Bier. Brauwesen und Bierhandel im hansischen Verkehrsgebiet. Köln 2001.
Gerstensaft und Hirsebier. 5000 Jahre Biergenuß. Sonderausstellungen im Staatlichen Museum für Naturkunde und Vorgeschichte Oldenburg vom 4. Juli bis 13. September 1998 und im Schlossmuseum Jever vom 5. Juli bis 31. Oktober 1998. Oldenburg 1998.

http://www.brauer-bund.de/ (hier auch die Fotos der verschiedenen Biere, s.o.)
https://de.wikipedia.org/wiki/Bier; https://de.wikipedia.org/wiki/Reinheitsgebot

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