Geschichte der Hausbrauerei Stierbräu (2005  bis 2008)logo_neu

Gespräch an der Theke 

Dr. Manfred Kayser1) interviewt Dr. Pablo Meissner

1) Akademiker der Georg-August Universität Göttingen, er verfolgte von Anfang an das Projekt Stierbräu.

 

Kay: Herr Meissner, Sie kommen gebürtig aus Chile. Was hat Sie nach Deutschland und speziell nach Vechta verschlagen?

PM: In Chile habe ich Agrarwissenschaften studiert und dann wollte ich mich an der Georg-August Universität in Göttingen weiterbilden. Ein Studium in Deutschland hat in unserer Familie schon Tradition. In Göttingen verbrachte ich drei Jahre und konnte das Aufbaustudium mit dem Master abschließen. Ich wollte eigentlich gerade nach Chile zurückkehren, da bot man mir eine Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Außenstelle der Fakultät für Agrarwissenschaften in Vechta an. Die Arbeit reizte mich, es ging um verfahrenstechnische Probleme und es gab die Möglichkeit zur Promotion. So kam ich Anfang 2001 nach Vechta.

Brauversuche
Fig. 1: Erste Brauversuche mit der Braxonia-Anlage, beim Maischen und Kochen, Haupt- und Nachgärung.

Kay: Schön und gut. Aber wie kommt man von der Agrarwissenschaft und der Verfahrenstechnik aufs Bierbrauen. Das müssen Sie uns noch genauer erklären!

PM: Das ist eine längere Geschichte und der Zufall spielt natürlich eine große Rolle. Ich stand schon im letzten Jahr meiner Anstellung, und die Beendigung der Doktorarbeit stand bevor, da hieß es wieder umziehen, da sich meine damalige Wohngemeinschaft auflöste. Zufällig traf ich Ludwig Willenborg, der mich schon mal mit französischen Weinen beliefert hatte, am Kreuzweg in Vechta, und er bot mir eine neue Bleibe an. An der Wohnung musste ich noch herumbasteln, bekam als Entschädigung aber auch gleich eine Kiste Wein. Im gleichen Gebäude fand ich dann eine von Staub bedeckte kleine Brauanlage, die mich nicht in Ruhe ließ. Mitten im Abschluss meiner wissenschaftlichen Arbeiten, begann ich mich mit der Anlage zu beschäftigen. Nach ein paar Reparaturen, Wälzen von einschlägiger Literatur und der Beschaffung der nötigen Rohstoffe (Gerstenmalz, Hopfen, Hefe und das Vechtaer Wasser, wagte ich den ersten Sud. Und der gelang!

Kay: Und schmeckte das erste Bier?

bier_nr_1
Fig 2.: Der Brauer beim Testen
des ersten Bieres.

PM: Und ob! Ich kam gleich auf den Geschmack, und nicht nur ich, meine Freunde bildeten gleich eine kleine Verkostungsgruppe. Das war aber nicht alles. Ich las weiterhin ganz intensiv über die Technik des Brauens und probierte hin und her, bis sich langsam eine passende und ganz eigene Linie entwickelte. Gutes Bier braucht eben Wissen und Erfahrung. Als wollte ich das Rad neu erfinden, suchte ich die Prinzipien der zugrunde liegenden biochemischen Prozesse der Bierherstellung zu verstehen und probierte vieles aus mit Riechen, Schmecken, Schauen und einer guten Dokumentation. Die kleine Anlage erfüllte wunderbar den Zweck einer Versuchs- und Lernanlage. Bald braute ich schon die ersten Spezialbiere.

Kay: Aber wie ging es mit Ihrer Dissertation weiter, blieb sie einfach liegen?

P.M: Ja, das war eine grenzwertige Situation. Irgendwie habe ich noch die Kurve gekriegt und bin aus dem Traum fast jeden Mannes sein eigenes Bier zu brauen, wieder aufgewacht. Es gab einen festen Abgabetermin, den habe ich eingehalten und durfte auch als frisch gebackener Doktor das Gänseliesel in Göttingen küssen.

Kay: Und dann? Hatten Sie keine Karriere in der Wirtschaft oder Wissenschaft im Blick?

PM: Doch schon, aber ich hatte mein Herz schon verloren und konnte vom Brauen nicht lassen. Und irgendwann habe ich dann hier durchgestartet und begonnen, die Hausbrauerei und die Kneipe aufzubauen. Im Nachhinein schon eine gewagte, ja verrückte Entscheidung: ohne richtig Brauereiwesen studiert zu haben, mit geringen finanziellen Mitteln und dann auch noch in Deutschland, einem Land, wo die Ansprüche an ein gutes Bier besonders hoch sind. Aber was ich hatte war Begeisterung und Lust mich in dieses Abenteuer zu stürzen.

bauarbeiten
Fig. 3: Aufbau der Brauerei und Kneipe. Stephan bei der Arbeit.

Kay: Wie lief das praktisch ab? Wie baut man eine eigene Brauerei auf – geht das überhaupt als nicht gelernter Braumeister?

PM: Das war nicht einfach, aber eine spannende Geschichte. Und einen Abschluss als Braumeister brauchte ich nicht. Der Beruf der Brauer und Mälzer ist seit 2004 ein frei zugelassener Handwerksberuf geworden, so dass zum Betreiben der Brauerei meine Ausbildung als promovierter Agraringenieur ausreichte. Der Aufbau war nicht einfach, bis vor ein paar Jahren wurden die Räumlichkeiten, in denen jetzt das Brauhaus steht, von einem Autohaus genutzt. Zum Glück konnte ich mit Hilfe von ein paar Freunden vieles selber machen. Dann habe ich in eine größere, gebrauchte Brauanlage investiert. Für einige Zeit stieg mein alter Freund Stephan Gewalt, den ich ganz zufällig wieder in der Post getroffen hatte, ins Boot ein. Er schrieb gerade an seiner Diplomarbeit und konnte die Ablenkung gut gebrauchen. Stephan bracht viel Energie in das Projekt – mit Gewalt geht alles besser! Ein alter Kollege, Hartmut Liebenow löste technische Probleme. In Teamarbeit und ohne Zeitdruck wurden das Brauhaus und die Kneipe aufgebaut und liebevoll eingerichtet. Zu der Zeit wurde Bier nur außer Haus verkauft, die Feuerwehr Vechta wurde ein wichtiger Abnehmer und die Fa. Beilage orderte erste Großaufträge für ihre Kundenaktionen. Aber es sollte weitergehen und alle Einnahmen wurden gleich wieder investiert. Am 1. August 2008 ging es dann richtig los! Die Brauanlage war fertig gestellt, die neuen Partyräume eingeweiht und die Kneipe wurde mit einem Tag der Offenen Tür eröffnet.

Installation der 300l Brauanlage
Fig. 4: Installation der Labu-300l-Brauanlage.

Kay: Was hat das eigentlich mit dem Namen und dem Logo Stierbräu auf sich – gibt es in Chile etwa auch Stierkämpfe?

PM: (lacht) Chile ist zwar sehr stark von der spanischen Kultur geprägt, aber Stierkämpfe hat es dort nie gegeben. Nein, nein, das war ganz anders und ist wieder eine eigene Geschichte. Der Vechtaer Künstler Helmut Helmes hat seine Galerie direkt nebenan und probierte natürlich auch meine neuesten Bierkreationen. Aber wie sollte das Bier eigentlich heißen, die Frage stand eines abends wieder mal im Raum. Helmut befand sich noch in einer künstlerischen Phase, die stark von Stierbildern und Stierköpfen geprägt war… Das passte und das Logo mit Stierkopf gehört nun zur Marke Stierbräu wie das Bier selber. Für mich hat der Stier im Namen eine weitere ganz wichtige Bedeutung: der Stier ist auch mein Sternzeichen – und so zweifelte ich keinen Moment daran, dass dieses Logo mir Glück bringen würde. Und das kleine Wunder war, dass der Name Stierbräu noch nicht im deutschen Patent- und Markenamt eingetragen war. Das habe ich dann gleich getan!

300l LABU Brauanlage
Fig. 5: 300l-Brauanlage.
Brauer bei der Arbeit
Fig. 6: Brauer beim Austrebern aus der neuen Labu-Anlage.
Karl Meissner
Fig. 7: Karl Meissner, Braumeister aus Camburg/Saale, Urgroßvater von Dr. Pablo Meissner.

Kay: Es soll in ihrer Familie schon einmal einen Brauer gegeben haben, was ist dran an dieser Geschichte?

PM: Ja, das stimmt wirklich. Ich stamme aus einer Familie in der Zahnmedizin Tradition hat und die Kunst; meine Großvater und Vater haben in Deutschland Zahnmedizin studiert und mein Vater ist als ein national bedeutender Maler in Chile sehr bekannt. Aber es war mein Urgroßvater Karl Gustav Meissner, 1864 in Camburg an der Saale geboren, der etwas mit Bier zu tun hatte. Nach einer Ausbildung zum Braumeister, arbeitete er eine Zeitlang als Brauer in Paris, wanderte dann aber, wie so viele Deutsche, nach Chile aus. Dort fand er zunächst eine Anstellung an einer staatlichen Brauerei. Später gründete er dann seine eigene kleine Hausbrauerei in Collpulli, einem kleinen Örtchen mitten in Chile. Bierbrauen liegt also, wenn man das so sagen kann, in meinen Genen.

Kay: Wie soll es nun weitergehen? So wie ich Sie kenne, haben Sie noch ein paar Ideen auf Lager, oder?

PM: Ja, natürlich, ich habe schon Vorstellungen und Visionen darüber, was noch werden könnte. Aber genau festlegen will ich mich noch nicht, lassen Sie sich doch überraschen… Aber vom vielen Reden wird meine Kehle langsam trocken, ich schlage vor, wir probieren mal ein leckeres Stout vom Faß, oder mögen Sie etwa keine Schwarzbiere?

Kay: Doch, doch, auf jeden Fall! Eine gute Idee, eine sehr gute Idee sogar und dann vielleicht noch mal ein Dinkel Dunkel?

PM: Alles kein Problem! (dreht sich zur Theke und ordert) Zwei Stouts bitte!

PM: Salud!

Kay: Prost! (Mmmh, lecker!)

Kay: Zurück in die Gegenwart. Wie sieht es zurzeit im Stierbräu aus?

PM: Ich bin ganz zufrieden. Ich denke, die Hausbrauerei hat sich als Adresse für gutes Bier in einem ganz besonderen Ambiente etabliert. Für viele ist es ein wichtiger Treffpunkt geworden, wobei ich die meisten meiner Gäste nicht als typische Kneipengänger ansehen würde. Stierbräu ist schon etwas Besonderes, für einige hat es sogar Kultstatus, wie ich gehört habe. Darauf bin ich schon ein klein wenig stolz. Einzigartig in Vechta ist der Biergarten, der im Sommer eine grüne Oase in der Stadt ist und viele Gäste anzieht. Kommen Sie doch mal wieder vorbei.

Kay: Und der Brauer, spielt der auch eine Rolle?… Sie faszinieren doch sicherlich auch viele mit ihrer Ausstrahlung und speziellen Lebensgeschichte.

PM: Mag schon sein. Aber am wichtigsten ist das Bier – das muss schmecken, sonst hilft alles nichts!

Kay: Und das schmeckt wirklich. Herr Meissner, vielen Dank für das Gespräch.

eroeffnung08

Eröffnung der Kneipe
Fig. 8: Eröffnunfsfeier am 1. August 2008.

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*